Veröffentlicht am März 15, 2024

Der entscheidende Effizienzvorteil alpiner Solaranlagen liegt nicht nur im bekannten Albedo-Effekt, sondern in einer oft übersehenen systemischen Ingenieursleistung.

  • Die physischen Vorteile (Kälte, Sonneneinstrahlung, Reflexion) sind nur die Basis für den bis zu fünffachen Winterertrag.
  • Die wahre Stärke liegt in der synergetischen Integration mit bestehender Infrastruktur wie Pumpspeicherkraftwerken.
  • Die technische und soziale Planung, von der Lawinensicherheit bis zur finanziellen Beteiligung der Bevölkerung, ist der eigentliche Effizienztreiber.

Empfehlung: Der Fokus für erfolgreiche Projekte muss sich von der reinen Stromproduktion auf eine ganzheitliche, regionale Infrastruktur- und Wirtschaftsplanung verschieben.

Die Schweiz steht vor der Herausforderung, ihre Energieversorgung zu dekarbonisieren und insbesondere die Stromlücke im Winter zu schliessen. In dieser Debatte rücken alpine Solaranlagen immer stärker in den Fokus. Die gängige Erklärung für ihre hohe Effizienz beschränkt sich oft auf physikalische Grundlagen: Die intensive Sonneneinstrahlung oberhalb der Nebelgrenze, die Leistungssteigerung der Module durch kalte Temperaturen und die Reflexion der Sonnenstrahlen durch die Schneedecke – der sogenannte Albedo-Effekt.

Diese Faktoren sind korrekt und fundamental, zeichnen jedoch nur ein unvollständiges Bild. Sie beschreiben passive Vorteile, die die alpine Umgebung bietet. Doch die wahre Antwort auf die Frage der überlegenen Effizienz liegt tiefer. Sie ist nicht nur in der Physik, sondern vor allem in der Ingenieurskunst verankert. Die Effizienz einer alpinen Solaranlage ist das Resultat einer aktiven, systemischen Planung, die technische, ökologische und sozioökonomische Herausforderungen nicht als Hindernisse, sondern als integrale Bestandteile des Gesamtsystems begreift.

Wenn die wahre Stärke nicht allein in der höheren Stromausbeute pro Panel liegt, sondern in der intelligenten Integration in das komplexe alpine Ökosystem – wie sieht diese systemische Ingenieurskunst in der Praxis aus? Es geht darum, die Anlagen so zu konzipieren, dass sie Lawinengefahren standhalten, die Netzkapazitäten optimal nutzen und die lokale Bevölkerung zu Partnern statt zu Gegnern machen.

Dieser Artikel analysiert die verschiedenen Dimensionen der Effizienz alpiner Solaranlagen. Wir werden die physikalischen Grundlagen der Winterstromproduktion beleuchten, uns den ingenieurtechnischen Herausforderungen in extremen Höhen widmen und die kritischen Fragen der Landschaftsverträglichkeit, der Netzinfrastruktur und der lokalen Akzeptanz faktenbasiert erörtern. Ziel ist es, ein umfassendes Verständnis dafür zu schaffen, warum die Zukunft der alpinen Solarenergie weniger eine Frage der Panel-Technologie als vielmehr eine der ganzheitlichen Planung ist.

Der folgende Artikel bietet eine detaillierte Analyse der Schlüsselfaktoren, die den Erfolg und die Effizienz von Solaranlagen im Hochgebirge bestimmen. Entdecken Sie die technischen, ökologischen und sozialen Aspekte, die für Investoren, Gemeinden und Energieversorger in der Schweiz von entscheidender Bedeutung sind.

Warum produzieren Solaranlagen im Schnee doppelt so viel Winterstrom?

Die oft zitierte Verdoppelung der Winterstromproduktion im Vergleich zu Anlagen im Mittelland ist eine konservative Schätzung. Fakt ist, dass die physikalischen Bedingungen im Hochgebirge einen weitaus höheren Mehrertrag ermöglichen. Laut Solarexperten der Berner Fachhochschule (BFH) erzielen alpine Anlagen einen 4- bis 5-fachen Winterertrag im Vergleich zu äquivalenten Anlagen im Flachland. Dieser markante Unterschied basiert auf dem Zusammenspiel mehrerer Faktoren, die in dieser Höhe kumulativ wirken.

Die drei entscheidenden physikalischen Vorteile lassen sich klar benennen:

  • Der Albedo-Effekt: Eine frische Schneedecke reflektiert bis zu 90 % der einfallenden Sonnenstrahlung. Bifaziale Solarmodule, die sowohl auf der Vorder- als auch auf der Rückseite Strom produzieren können, profitieren massiv von diesem reflektierten Licht. Dieser Effekt allein kann den Ertrag im Winter um über 30 % steigern.
  • Geringere Temperaturen: Photovoltaikmodule funktionieren bei Kälte effizienter. Pro Grad Celsius Temperaturabnahme steigt der Wirkungsgrad eines typischen Siliziummoduls um etwa 0,4 %. Bei -10 °C im Hochgebirge im Vergleich zu +15 °C im Mittelland an einem sonnigen Wintertag ergibt sich bereits ein signifikanter Effizienzgewinn.
  • Intensivere Sonneneinstrahlung: Alpine Standorte liegen meist über der winterlichen Hochnebeldecke. Sie profitieren von mehr Sonnenstunden und einer höheren Strahlungsintensität, da die saubere, dünnere Luft weniger Strahlung absorbiert und streut.

Das Pionierprojekt AlpinSolar am Muttsee, das als grösste alpine Solaranlage Europas gilt, demonstriert dieses Potenzial eindrücklich. Es produziert rund die Hälfte seiner jährlichen 3,3 Millionen Kilowattstunden im Winterhalbjahr. Diese physikalischen Gegebenheiten schaffen die Grundlage, machen aber nur einen Teil der gesamten Effizienzgleichung aus. Die Kunst besteht darin, diese Vorteile durch präzise Ingenieursarbeit maximal auszuschöpfen.

Wie planen Sie eine PV-Anlage auf 2000 Metern trotz Lawinengefahr?

Die Planung einer Photovoltaikanlage im Hochgebirge ist keine reine Elektroplanung, sondern primär eine Übung in alpiner Geotechnik und Risikomanagement. Die Lawinengefahr ist dabei die grösste technische Herausforderung. Eine robuste Planung beruht auf dem Prinzip der aktiven Resilienz: Die Anlage wird nicht nur passiv geschützt, sondern aktiv so konstruiert und platziert, dass sie den extremen Kräften der Natur widersteht oder sie vermeidet. Dies erfordert eine detaillierte Analyse des Geländes, lange bevor das erste Panel montiert wird.

Die Risikobeurteilung beginnt mit der Topografie. Als Faustregel gilt: Ab 30 Grad Hangneigung erhöht sich das Risiko einer direkten Lawinenauslösung erheblich, was solche Standorte für grossflächige Anlagen meist ausschliesst. Doch auch flacheres Gelände kann durch Lawinen aus angrenzenden Hängen gefährdet sein. Hier kommt moderne Technologie ins Spiel. Forscher des WSL-Instituts für Schnee- und Lawinenforschung SLF nutzen beispielsweise Drohnen, um Schneehöhen und Geländeformationen mit zentimetergenauer Präzision zu kartieren. Wie ihre Arbeit am Berninapass zeigt, können wenige Meter über einen geeigneten oder ungeeigneten Standort entscheiden, indem sie Zonen mit übermässiger Schneeansammlung oder potenziellen Anrissgebieten identifizieren.

Erhöhte Stahlkonstruktionen für Solarmodule im verschneiten Hochgebirge

Basierend auf diesen Daten werden die Montagesysteme ausgelegt. Anstatt die Panels bodennah zu installieren, werden sie auf erhöhten Stahl- oder Aluminiumkonstruktionen montiert. Diese haben einen doppelten Zweck: Erstens halten sie die Module über der maximal zu erwartenden Schneehöhe, um eine Verschattung zu vermeiden. Zweitens minimieren sie den Widerstand gegen abgleitende Schneemassen oder Lawinenluftdruck, indem der Schnee unter den Strukturen hindurchgleiten kann. Die Fundamente müssen tief im Fels verankert werden, um den enormen Zug- und Scherkräften standzuhalten. Diese Ingenieursleistung ist der Schlüssel zur Langlebigkeit und damit zur wirtschaftlichen Effizienz der Anlage.

Staumauer erhöhen oder Solarpanels installieren: Was ist landschaftlich verträglicher?

Die Debatte um den Ausbau erneuerbarer Energien in den Alpen kulminiert oft in der Frage des Landschaftsschutzes. Der Vergleich zwischen der Erhöhung einer bestehenden Staumauer und der Installation einer neuen alpinen Solaranlage auf freier Fläche ist dabei besonders aufschlussreich. Beide Eingriffe dienen demselben Ziel – mehr Winterstrom –, haben aber fundamental unterschiedliche Auswirkungen auf die Landschaft und das Ökosystem. Eine rein visuelle Beurteilung greift zu kurz; die Verträglichkeit muss anhand objektiver Kriterien wie Dauer, Reversibilität und Materialverbrauch bewertet werden.

Die folgende Tabelle stellt die wesentlichen Unterschiede gegenüber und stützt sich dabei auf Erkenntnisse aus Projekten wie AlpinSolar, das bewusst auf einer bestehenden Infrastruktur errichtet wurde.

Vergleich der Umweltauswirkungen: Staumauererhöhung vs. Alpine Solaranlage
Kriterium Staumauererhöhung Alpine Solaranlage
Eingriffsdauer Permanent (100+ Jahre) Temporär (25-30 Jahre mit Rückbaupflicht)
Materialverbrauch Hoch (Beton, massiver CO2-Fussabdruck) Mittel (Stahl/Glas, recyclebar)
Landschaftsveränderung Irreversibel Reversibel nach Rückbau
Biodiversität Verlust von Tallebensräumen Potenzial für Koexistenz bei guter Planung

Der entscheidende Vorteil von Solaranlagen liegt in ihrer Reversibilität. Nach Ende der Lebensdauer von 25 bis 30 Jahren besteht eine Rückbaupflicht, die das Gelände potenziell in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt. Eine erhöhte Staumauer hingegen ist ein permanenter, irreversibler Eingriff. Kritiker wie Raimund Rodewald von der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz warnen dennoch vor einem unkontrollierten Ausbau. Seine Befürchtung ist pointiert:

Die gesamten Alpen werden zu einer Bauzone, zu einem Notstromaggregat für das Unterland

– Raimund Rodewald, Geschäftsführer Stiftung Landschaftsschutz Schweiz

Diese Kritik unterstreicht die Notwendigkeit einer sorgfältigen Güterabwägung. Die landschaftlich verträglichste Lösung ist oft die Kombination: Solaranlagen, die auf bereits bestehender, anthropogen geprägter Infrastruktur wie Staumauern oder entlang von Skigebieten errichtet werden. Dies minimiert den neuen Flächenverbrauch und nutzt Synergien, was den Eingriff in unberührte Natur auf ein Minimum reduziert.

Das Problem der Netzkapazität, das viele alpine Projekte scheitern lässt

Die beeindruckende Stromproduktion einer alpinen Solaranlage ist wertlos, wenn die Energie nicht ins Tal und zu den Verbrauchern transportiert werden kann. Genau hier liegt eines der grössten und teuersten Hindernisse für viele Projekte: die unzureichende Netzkapazität in abgelegenen Alpentälern. Die bestehenden Stromleitungen sind oft nur für den Bedarf der lokalen Bevölkerung oder kleiner Wasserkraftwerke ausgelegt und können die massiven Produktionsspitzen einer Grossanlage an einem sonnigen Wintertag nicht aufnehmen. Der Ausbau dieser Netze ist extrem kostspielig und zeitaufwendig.

Der Bund hat mit dem „Solarexpress“ ein Instrument geschaffen, um grosse alpine Anlagen zu fördern. Eine wesentliche Bedingung für diese Förderung ist, dass die Anlagen eine signifikante Menge an Winterstrom liefern. Konkret müssen alpine Anlagen mindestens 10 GWh Jahresproduktion erreichen, um als Anlage von nationalem Interesse zu gelten und von beschleunigten Verfahren zu profitieren. Diese Grösse übersteigt jedoch bei weitem die Kapazität der meisten lokalen Verteilnetze.

Die intelligenteste Lösung für dieses Problem liegt in der infrastrukturellen Synergie, insbesondere mit der bestehenden Wasserkraft. Das Pumpspeicherkraftwerk Linth-Limmern ist hierfür das Paradebeispiel. Axpo und IWB realisierten dort die AlpinSolar-Anlage direkt an der Staumauer. Der produzierte Solarstrom muss nicht sofort vollständig ins Netz eingespeist werden. Stattdessen kann er vor Ort genutzt werden, um Wasser vom unteren in den oberen Stausee zu pumpen. Das Pumpspeicherkraftwerk agiert somit als riesige „virtuelle Batterie“: Der Solarstrom wird in Form von potenzieller Energie (Wasser im oberen See) gespeichert und kann dann flexibel abgerufen werden, wenn die Nachfrage hoch und die Sonneneinstrahlung niedrig ist. Diese Kopplung entlastet das Netz, erhöht die Versorgungssicherheit und maximiert den Wert des produzierten Solarstroms.

Wie binden Sie die Talbevölkerung finanziell ein, um Einsprachen zu verhindern?

Die technische und finanzielle Machbarkeit eines alpinen Solarprojekts ist nur die eine Seite der Medaille. In der Schweiz, mit ihrer direkten Demokratie, ist die soziale Akzeptanz die andere, oft entscheidendere Seite. Einsprachen von Anwohnern, Gemeinden oder Umweltverbänden können Projekte um Jahre verzögern oder komplett verhindern. Der Schlüssel zur Überwindung dieses Hindernisses liegt darin, die lokale Bevölkerung nicht als potenzielle Gegner, sondern als strategische Partner zu betrachten. Dies gelingt am besten durch die Schaffung von „lokalem Kapital“ – also einer direkten und spürbaren Wertschöpfung für die Region.

Finanzielle Anreize sind dabei das wirksamste Instrument. Anstatt dass die Gewinne ausschliesslich an externe Investoren fliessen, müssen Modelle entwickelt werden, bei denen die Talgemeinden und ihre Bewohner direkt profitieren. Die grosszügigen Bundesbeiträge, durch die bis zu 60% der Investitionskosten gedeckt werden können, schaffen den finanziellen Spielraum für solche Beteiligungsmodelle. Konkret bedeutet dies, den Anwohnern die Möglichkeit zu geben, sich finanziell an der Anlage zu beteiligen und im Gegenzug eine Rendite zu erhalten oder vergünstigten Strom zu beziehen.

Gemeindeversammlung in einem Schweizer Bergdorf zur Diskussion von Solarprojekten

Transparente Kommunikation und frühe Einbindung, wie sie bei Gemeindeversammlungen praktiziert wird, sind essenziell, um Vertrauen aufzubauen. Erfolgreiche Projekte gehen jedoch über reine Information hinaus und setzen auf aktive Partizipation. Die Vergabe von Bau- und Wartungsaufträgen an das lokale Gewerbe stärkt die regionale Wirtschaft und schafft Arbeitsplätze. Langfristig können sogar Ausbildungsprogramme für alpine Solartechniker etabliert werden, um nachhaltiges Know-how in der Region zu verankern.

Checkliste zur Förderung der lokalen Akzeptanz

  1. Beteiligungsmodelle prüfen: Evaluieren Sie die Gründung einer lokalen Energiegenossenschaft oder die Nutzung von Crowdlending-Plattformen, um Bürgern eine direkte finanzielle Beteiligung zu ermöglichen.
  2. Lokale Wertschöpfung inventarisieren: Identifizieren Sie alle Bau-, Handwerks- und Dienstleistungsbetriebe in der Region und erstellen Sie einen Plan zur bevorzugten Vergabe von Aufträgen.
  3. Kommunikationsplan erstellen: Definieren Sie klare Meilensteine für die Information der Bevölkerung, von der ersten Idee bis zur Inbetriebnahme, und planen Sie regelmässige öffentliche Informationsveranstaltungen.
  4. Direktnutzen definieren: Arbeiten Sie ein Modell aus, wie die Gemeinde direkt profitieren kann, z.B. durch einen „Solar-Zins“ (Anteil am Stromertrag) oder durch vergünstigte Stromtarife für Einheimische.
  5. Ausbildungspotenzial analysieren: Prüfen Sie in Zusammenarbeit mit lokalen Bildungseinrichtungen, ob die Schaffung von Ausbildungs- oder Weiterbildungsangeboten im Bereich erneuerbare Energien möglich ist.

Wie erhöhen Sie den Eigenverbrauchsanteil Ihrer Solaranlage auf über 60 %?

Für Betreiber von alpinen Anlagen – seien es Hotels, Bergbahnen oder ganze Gemeinden – ist die Maximierung des Eigenverbrauchs der Schlüssel zur Wirtschaftlichkeit. Jeder direkt vor Ort verbrauchte Kilowattstunde (kWh) muss nicht teuer aus dem Netz bezogen werden. Das Ziel, einen Eigenverbrauchsanteil von über 60 % zu erreichen, ist ambitioniert, aber durch eine intelligente Systemintegration absolut realistisch. Es erfordert ein Umdenken weg von der reinen Stromerzeugung hin zu einem aktiven Energiemanagement.

Die Basis dafür ist eine hohe und planbare Produktion. Messungen der ZHAW in Davos auf 2500 m Höhe haben gezeigt, dass bifaziale Module einen beeindruckenden Jahresertrag von 1.690 bis 1.837 kWh/kWp erreichen können. Um diesen Strom optimal zu nutzen, sind drei strategische Hebel entscheidend:

  1. Sektorkopplung: Dies bedeutet, den Solarstrom nicht nur für klassische elektrische Verbraucher, sondern auch für die Sektoren Wärme und Mobilität zu nutzen. Intelligent gesteuerte Wärmepumpen können bei Solarüberschuss thermische Speicher (Boiler) laden. Ebenso können E-Ladestationen so programmiert werden, dass Fahrzeuge primär während der Mittagsspitze mit Sonnenstrom geladen werden.
  2. Lastverschiebung: Grosse, planbare Energieverbraucher müssen aktiv dann betrieben werden, wenn die Sonne scheint. Dazu gehören Beschneiungsanlagen, die bei Produktionsüberschuss Wasser in Speicherseen pumpen oder Schnee produzieren, sowie die zeitgesteuerte Optimierung von Grossküchen oder Wellnessanlagen in Tourismusbetrieben.
  3. Batteriespeicherung: Ein richtig dimensionierter Batteriespeicher ist unerlässlich, um die Sonnenenergie vom Tag in die Nacht oder über bewölkte Perioden zu retten. In alpinen Betrieben sollte ein Speicher so ausgelegt sein, dass er die Grundlast für mindestens zwei bis drei Tage überbrücken kann, um eine hohe Winterautarkie zu gewährleisten.

Die Kombination dieser Massnahmen verwandelt einen passiven Stromproduzenten in ein aktives, optimiertes Energie-Ökosystem. Ein Energiemanagementsystem (EMS) steuert dabei vollautomatisch die Energieflüsse zwischen Produktion, Verbrauchern und Speichern, um den Netzbezug zu minimieren und die Kosten zu senken.

Wie locken Berggemeinden „Workation“-Touristen durch bessere Infrastruktur an?

Die Energiewende in den Alpen bietet eine unerwartete Chance für die lokale Wirtschaft: den Ausbau einer hochmodernen Infrastruktur, die weit über die reine Stromversorgung hinausgeht. Für Berggemeinden, die sich im zunehmend kompetitiven Tourismusmarkt positionieren wollen, ist dies ein entscheidender Vorteil. Die Anziehung von „Workation“-Touristen – also Gästen, die Arbeit und Urlaub verbinden – hängt direkt von der Qualität und Zuverlässigkeit der digitalen und energetischen Infrastruktur ab.

Ein stabiles, schnelles Internet und eine ausfallsichere Stromversorgung sind keine Annehmlichkeiten mehr, sondern Grundvoraussetzungen für digitale Nomaden. Projekte wie die geplanten Solaranlagen von Repower in Laax und Klosters, die direkt in die Infrastruktur der Skigebiete integriert werden, zeigen diesen Trend. Wo neue Stromleitungen verlegt werden, können gleichzeitig Glasfaserkabel für High-Speed-Internet mitverlegt werden. Dies schafft eine doppelte Wertschöpfung aus einer einzigen Investition und macht die Region für eine kaufkräftige, anspruchsvolle Zielgruppe attraktiv.

Gemeinden können diese neue Infrastruktur gezielt vermarkten, indem sie spezifische Service-Pakete für digitale Nomaden schnüren. Denkbar sind hierbei:

  • Energieautarke Homeoffices: Ferienwohnungen oder Chalets, die mit einem Solar- und Batteriesystem ausgestattet sind und eine garantierte Backup-Stromversorgung für unterbrechungsfreies Arbeiten bieten.
  • Co-Working-Spaces mit Alpenblick: Einrichtung moderner Gemeinschaftsbüros, die an das neue Glasfasernetz angeschlossen sind.
  • Nachhaltige Mobilitätsangebote: E-Bike- oder E-Auto-Abos, die mit lokal produziertem Solarstrom betrieben werden und die Erkundung der Region ermöglichen.
  • Energie-Erlebniswege: Thematische Wanderwege, die zu den Solaranlagen führen und die innovative Technik als touristische Attraktion inszenieren.

Indem Berggemeinden die Energiewende als Katalysator für die Modernisierung ihrer gesamten Infrastruktur nutzen, können sie ihre Abhängigkeit vom klassischen Saisontourismus reduzieren. Sie schaffen ein attraktives Umfeld für längere Aufenthalte und eine neue Form des Qualitätstourismus, der die lokale Wirtschaft nachhaltig stärkt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die überlegene Effizienz alpiner Solaranlagen beruht nicht nur auf Physik (Albedo, Kälte), sondern entscheidend auf systemischer Ingenieurskunst und ganzheitlicher Planung.
  • Die Synergie mit bestehender Infrastruktur, insbesondere Pumpspeicherkraftwerken der Wasserkraft, ist der Schlüssel zur Lösung des Netzkapazitätsproblems und zur Maximierung des Werts.
  • Soziale Akzeptanz durch transparente Kommunikation und direkte finanzielle Beteiligung der lokalen Bevölkerung ist kein „Soft-Factor“, sondern eine harte Voraussetzung für den Projekterfolg in der Schweiz.

Wie überwinden wir das „Funkloch“ in den Schweizer Alpen für die lokale Wirtschaft?

Das „Funkloch“ in den Schweizer Alpen ist oft ein Symptom eines umfassenderen Infrastrukturdefizits. Die Lösung dieses Problems könnte Hand in Hand mit der Lösung der winterlichen Stromlücke gehen. Der grossflächige Ausbau von alpinen Solaranlagen erfordert die Verlegung neuer, leistungsfähiger Stromtrassen. Diese Tiefbauarbeiten bieten die einmalige Gelegenheit, gleichzeitig Glasfaserkabel für eine moderne digitale Kommunikation zu verlegen. Diese „Infrastruktur-Synergie“ ist der effizienteste Weg, um die digitale Kluft zwischen städtischen und alpinen Regionen zu schliessen.

Würden alle derzeit in der Schweiz geplanten alpinen Solarprojekte realisiert, könnten sie laut einer Übersicht der Plattform photovoltaik.eu rund 939 Gigawattstunden jährlich produzieren. Dies würde einen massiven Ausbau der Netzinfrastruktur erfordern. Anstatt dies als reinen Kostenfaktor zu betrachten, muss es als Investition in die doppelte Zukunftsfähigkeit der Bergregionen gesehen werden: energetisch und digital. Eine zuverlässige Internetverbindung ist heute für die lokale Wirtschaft – vom Handwerker über den Hotelier bis zum Landwirt – ebenso essenziell wie eine stabile Stromversorgung.

Moderne Infrastruktur-Integration in alpiner Landschaft mit Fokus auf Glasfaserkabel und Stromleitungen

Diese Konvergenz der Infrastrukturen schafft ein widerstandsfähiges Energie- und Daten-Ökosystem. Smarte Netze (Smart Grids) benötigen eine schnelle Datenkommunikation, um Produktion und Verbrauch in Echtzeit zu steuern. Gleichzeitig ermöglicht eine robuste digitale Anbindung neue Geschäftsmodelle im Tourismus („Workation“), in der Landwirtschaft (Precision Farming) und im lokalen Gewerbe, die die Abwanderung bremsen und die regionale Wertschöpfung steigern.

Alpine Solaranlagen sind eine kleine, aber wichtige Komponente der Energiewende in der Schweiz.

– Christof Bucher, Leiter des Labors für Photovoltaik-Systeme, BFH

Diese Aussage von Christof Bucher lässt sich erweitern: Sie sind nicht nur eine Komponente der Energiewende, sondern potenziell auch ein Katalysator für die digitale Transformation der Alpen. Die Überwindung des „Funklochs“ ist somit kein separates Problem mehr, sondern wird zu einem integralen Bestandteil einer intelligenten, vorausschauenden Energiepolitik, die den Berggebieten eine nachhaltige Zukunftsperspektive bietet.

Um die Weichen richtig zu stellen, ist es essenziell, die langfristigen Synergien zwischen Energie- und Digitalinfrastruktur von Beginn an in jede Projektplanung zu integrieren.

Für Energieversorger, Gemeinden und Investoren besteht der nächste Schritt darin, nicht nur Standorte zu bewerten, sondern ganzheitliche regionale Ökosysteme zu planen, die Energie, Digitalisierung und lokale Wirtschaft miteinander verbinden, um den maximalen Nutzen für die Schweiz zu erzielen.

Geschrieben von Ursina Caminada, Architektin FH und zertifizierte GEAK-Expertin für nachhaltiges Bauen und energetische Sanierungen. Spezialisiert auf Minergie-Standards, alpine Architektur und neue Wohnformen.